Wie sinnvoll ist ein Winter-Trainingslager für Hobby-Triathleten?

Roman Deisenhofer

von Roman Deisenhofer - Mitglied im spoosty pro.tri.team

Ich bin seit einer Woche selbst gerade im Trainingslager auf Lanzarote. Dies ist schon das dritte Trainingslager in diesem Winter. Für mich als Profi ist das absolut notwendig. Schließlich steht mein erster Saisonhöhepunkt schon in wenigen Wochen auf dem Programm: der IRONMAN South Africa am 29.März, bei dem ich mir die Qualifikation für die WM gerne sicher würde. Ich freue mich schon riesig darauf - auch darauf mich mit Sebastian Kienle zu messen. Wird sicher super. Aber dazu ein andermal mehr, hier auf dem PLANET spoosty.

Zurück zu unserem Thema. Wie gesagt: Für mich als Profi sind solche Trainingslager absolut alternativlos. Aber wie ist das mit den vielen tausend Hobby- und Altersklassenathleten? Eine einfache Antwort auf die Frage “Trainingslager ja oder nein” gibt es nicht. Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Ich will euch einfach mal ein paar Gedanken dazu mit auf den Weg geben.

Roman Deisenhofer, Marchelo Kunzelmann

Trainingslager ist kein Muss!

Grundsätzlich gilt: ein Trainingslager ist kein Muss! Man kann sich auch wunderbar auf seine Wettkämpfe ohne ein teures Trainingslager im Süden vorbereiten. Schwimmen ist sowieso kein Problem in Deutschland. Die meisten Städte und Gemeinden haben Schwimmbäder in denen ordentliches Training möglich ist. Und bis zum ersten Wettkampf in Deutschland gibt es sicher auch noch genügend Zeit sich an das Freiwasserschwimmen zu gewöhnen. Hey: Für was gibt’s Neos, oder?

Auch das Laufen ist in einem solchen Winter, wie in diesem Jahr, nicht wirklich ein Problem. Klar muss man sich ein bisschen wärmer einpacken. Und an dem Spruch “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung” ist mit Sicherheit was dran. Ein Problem ist bei vielen Berufstätigen natürlich das Licht. Wer um sechs nach Hause kommt, dem bleibt nichts anderes übrig als im Dunkeln zu laufen. Mein Tipp: Sucht euch entweder eine Strecke, die beleuchtet ist oder schnappt euch eine Stirnlampe. Da gibt’s inzwischen echt gute LED-Lampen, die total helles Licht machen und überhaupt nicht teuer sind. Und: legt die Laufeinheiten so gut wie es geht auf’s Wochenende, wenn ihr Zeit habt tagsüber raus zu gehen.

Bleibt noch das Radfahren: Wer von euch noch keine Rolle hat: Besorgt euch eine! Ohne geht’s nicht. Und wie immer beim Equipment gibt’s hier die unterschiedlichsten Varianten. Von 100 Euro aufwärts ist für jeden Geldbeutel was dabei. Und wem das Fahren auf der Rolle zu langweilig wird: Wie wär’s mit dem Mountainbike über Feldwege zu jagen? Ich fnde, das ist eine super Alternative, die richtig viel Spaß macht.

Roman Deisenhofer, Marchelo Kunzelmann

Warum also ein Trainingslager?

Zunächst einmal bietet ein Trainingslager einen unschätzbaren Vorteil: Du hast Zeit dich voll und ganz auf deinen Sport zu konzentrieren. Nichts lenkt dich ab. Keine Arbeit, kein Stress. Klar musst du dafür Urlaub nehmen. Aber für zwei Wochen aus der Kälte in die Wärme zu fliehen ist echt eine super Sache. Auch für das Gemüt. Ihr werdet das merken, wenn ihr mal im Trainingslager seid. Ihr seid sofort besser drauf und die Motivation ist automatisch da. Es macht einfach mehr Spaß bei 20 Grad in der Sonne zu laufen als bei 3 Grad im Nieselregen und in der Dunkelheit durch Pfützen zu schlittern. Ist einfach so. Außerdem besteht dabei auch weniger Gefahr beim Training krank zu werden. Ein schöner Nebeneffekt.

Außerdem hast du in der Wärme einfach mehr Energie für’s Training. Dein Körper muss nicht gegen die Kälte ankämpfen, deine Zehen frieren nicht ein und deine Lunge muss keine eiskalte Luft einatmen. Das sind alles Faktoren, die Energie kosten. Kurz gesagt: Man trainiert in der Wärme effektiver und die Verletzungsgefahr ist darüber hinaus geringer. Gerade was muskuläre Geschichten anbetrifft.

Hauptargument für ein Trainingslager: Radfahren

Die meiste Zeit verbringe ich in einem Trainingslager auf dem Rad. Etwa 45% der Trainingszeit sitze ich im Sattel. Das wird bei euch nicht anders sein. Im Winter draußen zu fahren ist echt kein Spaß. Dabei gilt das gleiche, was ich vorhin über das Laufen in der Kälte gesagt habe. Außerdem setzt ihr eurem Rad keinen guten Bedingungen aus. Salz, Wasser und Dreck können einem Rad ganz schön zusetzen. Das bedeutet, dass wenn ihr draußen fahrt bleibt euch nichts anderes übrig als euer Rad in mühevoller und langwieriger Kleinarbeit wieder ordentlich sauber zu machen. Auch das kostet Zeit und es nervt.

Wie ich schon gesagt habe: ohne Rolle geht es nicht im Winter. Euer Rad bleibt sauber und die Rolle ermöglicht euch ein brutal effektives Training. Der Trainingsreiz ist extrem hoch. Da könnt ihr euch nicht wie draußen, wenn es mal bergab geht, ausruhen. Leistung ist nun mal Arbeit geteilt durch Zeit. Egal ob eine Ausdauereinheit oder knackige Intervalle: Auf der Rolle könnt ihr unglaublich effektiv trainieren. Ob das immer Spaß macht sei mal dahingestellt.

Ihr habt vielleicht schon mal von Lionel Sanders gehört. Der Kanadier wurde 2017 bei der WM Zweiter. Der trainiert fast ausschließlich auf der Rolle. Das ganze Jahr über! Bei ihm hängt das damit zusammen, dass er schon zweimal von einem Auto vom Rad geholt wurde. Einen Nachteil hat Sanders in meinen Augen dadurch: Er trainiert seine Technik nicht. Das hat man zum Beispiel mal bei der 70.3-WM in Zell am See gesehen, als er bei einer längeren Abfahrt ziemlich viel Zeit auf die Konkurrenz verloren hat. Da hat man ihm die mangelnde Technik angemerkt.

Und noch etwas sollte man nicht übersehen: Du trainierst in freier Wildbahn die Muskeln ein klein wenig anders als auf der Rolle. Die Muskulatur wird anders beansprucht, zum Beispiel durch Seiten- oder Fahrtwind oder Kurvenfahrten. Von daher trainiere ich lieber auf der Straße als auf der Rolle. Und daher ist das Radtraining für mich das Hauptargument für ein Trainingslager.

Roman Deisenhofer, Marchelo Kunzelmann

Mein Tipp: Weniger ist mehr

Wenn ihr euch also für ein Trainingslager entscheidet, dann geht es bitte langsam an! Zwei Wochen halte ich für eine super Zeit. Macht aber nicht den Fehler, dass ihr jetzt denkt: Ich muss aus dieser kostbaren Zeit so viele Trainingseinheiten rausquetschen, wie ich kann. Wenn ihr zu Hause im Februar oder März fünf bis zehn Stunden pro Woche trainiert, dann macht im Trainingslager auf keinen Fall mehr als 20 Stunden pro Woche. Ich als Profi mache aktuell 33,5 Stunden. Ich hab früher noch mehr gemacht, habe aber durch meinen neuen Trainer Nils Goerke sehr schnell gelernt, dass weniger manchmal mehr ist.

Die gleiche Erfahrung hat auch Jan Frodeno gemacht. Das weiß ich von seinem Trainer Dan Lorang. Auch Frodo macht heute weniger als früher und ist damit noch besser geworden.

Geht es langsam an. Kein falscher Ehrgeiz. Gerade wenn ihr an den ersten Tagen zu viel macht rauscht euer Energielevel schnell in den Keller. Trainiert schlau! Baut ein paar Intervallläufe oder Bergläufe ein. Damit steigert ihr eure Leistung schneller als mit endlosen Ausdauereinheiten. Auch wenn man auf die natürlich nicht ganz verzichten kann.

Und mein letzter und wichtigster Tipp: Genießt die Zeit im Trainingslager! Habt Spaß! Ich merke das gerade wieder selbst bei mir im Hotel. Wir Deutsche sind da oft zu verbissen. Die Deutschen trinken am Abend maximal ein alkoholfreies Bier und gehen früh ins Bett. Nichts dagegen einzuwenden. Die Spanier zum Beispiel genehmigen sich am Abend gern mal ein Glas Wein. Vielleicht auch keine schlechte Idee.


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