Über Training ohne Wettkampf, Motivation und ungeahnte Möglichkeiten

Paetrick Arndt

Ein Interview mit Marchelo Kunzelmann über Motivation, Training und eine außergewöhnliche Situation.

Darüber hat sich Matthias Walk mit Marchelo aus unserem spoosty pro.tri.team unterhalten.

Das Gespräch fand am Donnerstag im Firmensitz von Spoosty in Cham statt.

 

Marchelo Kunzelmann

Drei Wochen vor deinem ersten Rennen in dieser Saison (am 29. März in Salou / Spanien) kam die Absage dieses Wettkampfs. Wie war deine erste Reaktion darauf?

Anfangs habe ich noch gehofft, dass erst mal nur ein paar Rennen ausfallen und die Saison dann eben erst im Mai zum Beispiel in Riccione losgeht. Als dann langsam klar wurde, dass in der ganzen Zeit, in der eigentlich die Triathlon-Saison stattfindet, kein einziges Rennen sein wird, war das erstmal schon ein ganz schöner Schlag. Trotzdem hatte ich nie ein Problem mit der Motivation für’s Training. Mein Trainer Nils Goerke hat das Training immer gut koordiniert.

Deine Trainingspläne sind die ganze Saison über ja systematisch aufgebaut. Der Körper wird auf ein Rennen vorbereitet, danach fährt man die Intensität wieder ein wenig zurück. Das geht wie so in Wellenbewegungen, oder?

Ja, das trifft es ganz gut. Anfangs macht man ganz viel im VO2-Max-Bereich, also in dem Bereich wo man sich maximal ausbelastet. Kurz vor dem Wettkampf geht man dann in den Schwellenbereich, also in die jeweilige Distanz. In meinem Fall also die Mitteldistanz. Da trainiert man dann zum Beispiel die Watt-Leistung, die man über zwei Stunden durchtreten kann. Wir machen da beispielsweise eine Übung über dreimal 20 Minuten. Da jetzt keine Wettkämpfe stattfinden ist jetzt jede Woche hartes Training angesagt mit ziemlich hoher Intensität. Das ist aber in meinem  Fall auch ein Vorteil. Es gibt keine Taper-Wochen vor einem Wettkampf, man verliert keine Reisetage zu einem Wettkampf oder ins Trainingslager. So kann ich seit acht Wochen jede Woche die gleiche Anzahl an Trainingsstunden abspulen. Mit Kraft-Ausdauer-Einheiten, mit VO2-max-Einheiten und und und. In einer Trainingswoche ist also alles drin. Und das macht einen wirklich besser.

So eine Trainingswoche, wie du sie jetzt gerade beschrieben hast, ist aber eher ungewöhnlich. In einer normalen Saison gäbe es so etwas gar nicht, oder?

Ja, das stimmt schon. In so einer Woche ist wirklich alles drin. Am Wochenende, wo man am meisten Zeit hat, mache ich vor allem lange Fahrten, also Grundlagentraining. Der Mittwoch zum Beispiel ist meistens der Tag, wo ich mich so richtig aus dem Leben schieße (lacht) - in allen Bereichen. Die anderen Tagen sind dann eher kraftbetont. Nils schaut da ganz genau drauf, dass in einer Woche immer alles abgedeckt ist: von der Intensität, von der Ausdauer, von der Kraft her; einfach alles. Und wenn man das über Wochen macht, dann merkt man einfach irgendwann den Unterschied. Nils hat zu mir gesagt, dass ich als relativ junger Athlet für die Mitteldistanz (Anmerkung: Marchelo ist 20) noch lange Zeit habe oben anzukommen. Da ist so ein Jahr ohne Wettkampf gar nicht so schlecht für mich. Natürlich finde ich das scheiße und es deprimiert mich auch, aber vielleicht ist dann der Überraschungseffekt umso größer, wenn ich wieder am Start stehe. Denn dann habe ich ein Jahr Training mehr im Körper: mehr Grundlage, mehr Kilometer. Das ist es, was mir die Top-Athleten einfach noch voraus haben. Sie sind älter und haben schlichtweg mehr Kilometer in den Beinen. Und das kann man in einer normalen Wettkampfsaison nicht so leicht aufholen.

Pain Cave

Du hast gesagt, dass die Motivation für dich eigentlich nie ein Problem war. Aber mal Hand aufs Herz: An so einem Mittwoch - wie hast du es genannt? - an dem man sich so richtig rausschießt: Ist es da immer leicht sich zu motivieren?

(lacht) Ich erzähl dir was: Bei mir unten im Keller habe ich meinen Pain-Cave, also der Raum, wo meine Rolle drin steht. Von Woche zu Woche hängen da jetzt gerade mehr Bilder. Bilder von meinen Vorbildern. Und das ist es, was mich richtig  pusht. Dann höre ich dazu so richtig laut Musik, so richtig aggresiv und dann geht das schon. Und wenn du dann noch merkst, dass die ganze Quälerei was bringt, dann ist das richtig cool. Das macht schon richtig Spaß. Klar ist es hart, aber wenn du nach ein paar solchen Wochen das Ergebnis siehst, dann weißt du, warum du das alles machst. Ganz ehrlich: Inzwischen freue ich mich jede Woche auf meinen Mittwoch! (lacht)

Wie sieht so ein typischer Mittwoch aus?

In der Früh gibt’s erst mal ein nüchternes Morgen-Läufchen; eher kurz, so 40 Minuten. Dann Frühstück, gefolgt von einer harten VO2-Max Radeinheit; meistens nicht länger als eine Stunde 15. Da mache ich dann so lustige Sachen wie 30 Sekunden Vollgas, 30 Sekunden locker, aber das eben ein paar mal. Danach bin ich erst mal ziemlich kaputt, aber das macht richtig fit. Aber so eine Einheit ist wirklich eklig. Es folgt ein Mittagessen, meistens danach ein Power-Nap und anschließend zum Beispiel eine Bahneinheit mit neun mal 1000 Metern, immer mit einer Steigerung. Der erste Kilometer ist der langsamste, dann der zweiter schneller und der dritte dann Vollgas. Und dann wieder von vorn. Und das Ganze dreimal. Zum Abschluss des Tages gehe ich dann raus zum Schwimmen in den See, was zum Glück seit zwei Wochen wieder möglich ist.

Gibt es dazwischen auch immer mal wieder eine Leistungskontrolle?

Ja, das plant mein Trainer immer wieder mal mit ein. Vor zwei Wochen bin ich zum Beispiel einen Halbmarathon gelaufen; das habt ihr ja auf der Spoosty-Instagram-Seite live mitverfolgen können; als Abschluss unseres spoostyruntokona. Oder diese Woche haben wir das im Rahmen der Zwift Pro Tri Series gemacht. Das war ein virtuelles Radrennen, wo ich mit richtig großen Jungs gestartet bin, wie zum Beispiel mit Lionel Sanders oder Alistair Brownlee. Am Ende - nach etwa 40 Minuten - bin ich 37. geworden mit einem Rückstand von 41 Sekunden auf den Erstplatzierten. Das war echt hart, hat aber brutal viel Spaß gemacht. Und ist echt ein gutes Training.

Letzte Frage: Gibt es in diesem Jahr noch ein normales Rennen? Was glaubst du?

Wenn dann nur kleinere. Das ist zumindest die einzige Hoffnung, die wir Athleten noch haben. Aber wenn solche kleinen Rennen stattfinden sollten, dann hoffe ich, dass die richtig gut besetzt sind.

Du meinst: reine Profirennen?

Ja, genau. Es wird zum Beispiel auch gerade überlegt die WM auf Hawaii als reines Profirennen auszutragen. Ich kann mir vorstellen, dass es so etwas auch für die Mitteldistanz geben könnte. Das Problem für die großen Veranstalter wie IRONMAN ist, dass die ihre Rennen immer weit im Voraus absagen müssen, weil sie sonst auf ihren hohen Kosten sitzenbleiben. Ein kleines Event, wo vielleicht keine Straßensperren errichtet werden müssen, sondern “nur” ein Polizist an der Kreuzung steht um den Verkehr zu regeln, ist da vielleicht noch eher durchzuziehen.

Wir drücken die Daumen. Und dir alles Gute und danke für das Gespräch!


Mehr zu Marchelo Kunzelmann erfährst du hier:

Zum Profil von Marchelo

Zurück