Timo Boll Superstar!

Matthias Walk

von Matthias Walk

Fast zwanzig Jahre habe ich als Sportreporter gearbeitet. Anfangs war ich immer sehr nervös, wenn ich auf jemanden getroffen bin, den ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Was war ich aufgeregt, als ich Boris Becker, den Held meiner Kindheit und Jugend, bei einem Turnier interviewen und eins seiner Matches bei einer Live-Übertragung kommentieren durfte. Oder als ich Heiner Brand im Vorfeld eines Länderspiels in Regensburg vor der Kamera hatte. Jetzt war es mal wieder soweit: Ich wurde als Hallensprecher und Moderator für ein Tischtennis-Bundesligaspiel zwischen Borussia Düsseldorf und dem TSV Bad Königshofen gebucht. Das fand in Maxhütte-Haidhof statt. Warum fragt ihr euch jetzt? Gute Frage! Borussia Düsseldorf veranstaltet einmal pro Saison ein Heimspiel irgendwo in Deutschland, wo Tischtennis nicht gerade zu den großen Nummern zählt.

Ausverkaufte Halle

Die Stadthalle in Maxhütte-Haidhof war schon seit Monaten ausverkauft. Ungefähr 1300 Tischtennis-Fans aus ganz Ostbayern waren gekommen um vor allem einen Mann spielen zu sehen: Timo Boll. Der erste Deutsche an der Spitze der Weltrangliste (2003, 2011 & 2013), an der sonst eigentlich nur Chinesen stehen. In China ist Boll ein Superstar und bekannt wie ein bunter Hund. Vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit Dirk Nowitzki in den USA. Kein Wunder, dass die Halle schon zwei Stunden vor Spielbeginn gut gefüllt war. Schließlich konnten die Zuschauer Timo Boll schon jetzt beim Einspielen aus nächster Nähe beobachten.

Meeting Timo Boll

Ich hatte das Glück schon vor der Hallenöffnung da zu sein. Ich schlender also in die Halle und wer kommt mir im Trainingsanzug und mit einem dicken Schal um den Hals als erstes entgegen? Genau! Ein freundliches Nicken, ein fröhliches Hallo. Der Mann wirkt tiefenentspannt. Aber professionell. Schaut nicht viel nach links und rechts, zieht sich in die Kabine zurück bevor er zum Aufwärmen rauskommt.

Timo Boll Superstar

Als ich ihn dann bei der Vorstellung der Mannschaften als Letzten in die Halle rufe, tobt das Publikum zum ersten Mal an diesem Sonntag-Nachmittag. Und gleich im ersten Einzel muss er ran. Gegen einen Japaner. Da stehen sich also die Nummer 11 (Timo Boll) und die Nummer 61 (Mizuki Oikawa aus Japan) der Weltrangliste gegenüber. Boll gewinnt mit 3:1-Sätzen und bringt Borussia Düsseldorf mit 1:0 in Führung. Favoritensieg. Lächelt und winkt freudig ins Publikum.

Showdown

Beim Stand von 2:1 für Düsseldorf kommt es zu dem Match, auf das alle an diesem Nachmittag gehofft hatten: Timo Boll gegen Bastian Steger. Bastian Steger ist, wie Boll, 38 Jahre alt. Die beiden kennen sich und spielen seit fast 30 Jahren gegen- und miteinander. Sie haben im Team gemeinsam Edelmetall bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und unzählige Titel bei Europameisterschaften gewonnen. Natürlich ist Boll der erfolgreichere und herausragendere Tischtennisspieler. Aber: Steger stammt aus der Oberpfalz; ist in Winklarn aufgewachsen und hat in Regensburg gespielt. Und so kommt es, dass die Halle eher hinter Steger als hinter Boll steht. Als Steger den zweiten Satz für sich entscheiden kann und zum 1:1 ausgleicht tobt die Halle. Boll schaut ein wenig irritiert, bleibt aber ganz cool.

Der dritte Satz bringt dann die Vorentscheidung. Boll zeigt, welch grandioser Spieler er immer noch ist. Hat auf fast alles eine Antwort, was Steger auch probiert. Und er hat die besseren Nerven; gewinnt Satz 3 mit 15:13 und wenige Minuten später aus das Match und holt damit den entscheidenden dritten Punkt zum Sieg für seine Borussia.

Zum Interview bitte

Jetzt kommt mein Einsatz. Ich darf für die Zuschauer in der Halle ein Interview mit beiden Protagonisten führen. Boll verschwindet aber erst mal in die Kabine. Der Pressesprecher raunt mir zu, dass Boll sich umziehen will, weil er so nass geschwitzt sei. Derweil begrüßt Bastian Steger eine Menge alter Freunde.

Fünf Minuten später stehen dann beide neben mir. Die Zuschauer sind noch fast alle dageblieben. Natürlich frage ich Boll auch nach der Stimmung in der Halle. “Naja, ein bisschen komisch war das schon”, meint er: “Schließlich war das ja heute eigentlich unser Heimspiel. Aber ich kann verstehen, dass die Zuschauer eher den Basti angefeuert haben.” Schnell merke ich, da stehen zwei neben mir, die sich richtig gut verstehen und mögen. So was soll es ja auch im Sport geben.

Beide sind echte Sympathieträger in ihrem Sport. Beide sind erstaunlich normal geblieben. Auch wenn der eine ein Superstar ist. Das sieht man auch daran, wie geduldig beide unzählige Autogramme schreiben und für jedes Selfie ins Handy lächeln. Auch in meins! Netter Kerl, dieser Timo Boll.

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