Muss es immer ein Wettkampf sein?

Matthias Walk

von Matthias Walk

 

Am Wochenende hat IRONMAN sein erstes virtuelles Rennen stattfinden lassen. Und sage und schreibe 11.000 Menschen haben weltweit mitgemacht. Heute wird an vielen Stellen eifrig über positive und negative Aspekte des Formats diskutiert. Welchen Wert hat so ein Wettkampf? Worin liegen seine Stärken? Was sind die Schwachstellen? Hat jeder wirklich fair gekämpft? Welche Möglichkeiten gibt es zu bescheißen? All die Diskussionen zeigen: IRONMAN hat alles richtig gemacht. Viele machen mit und noch mehr diskutieren darüber.

Ich stelle mir dagegen eine ganz andere Frage: Warum sind wir so scharf auf Wettkämpfe? Was fasziniert uns so sehr daran, uns mit anderen zu messen?

Vor einigen Jahre habe ich mal eine soziologische Abhandlung darüber gelesen, warum uns Menschen der Sport - und vor allem der Wettkampf - so fasziniert. Die Antwort dieser Arbeit - OK, ziemlich verkürzt wiedergegeben - ist relativ simpel: Weil es klare Antworten gibt.

Nach einem Wettkampf - egal ob Rennen oder Zweikampf oder Mannschaftssport - steht eine klare Feststellung: Wer war der Schnellste? Wer war der Beste? Wer hat gewonnen? Da gibt es nichts zu diskutieren oder zu debattieren. Wenn einer schneller war, dann war er eben schneller. Das kann keiner anzweifeln. Punkt. Aus. Ende. Amen.

Klar, man kann Ausreden finden: Ich hab schlecht geschlafen. Oder: Ich hab heute nicht das gezeigt, was ich eigentlich kann. Aber alle Ausreden nützen nichts: Am Ende steht eine klare und objektive Antwort, eine eindeutige Wahrheit.

So etwas gibt es in fast allen anderen Gesellschaftsfeldern nicht. Wer sind denn z.B. die besten Eltern? Oder das beste Unternehmen? Oder die beste Partei? Oder die beste Band? Oder das schönste Gemälde?

Auf diese Fragen gibt es keine allgemeingültigen Antworten. Die Antworten sind immer subjektiv und deswegen nicht eindeutig. Nehmen wir mal das Beispiel Unternehmen. Welche Firma ist denn die beste seiner Branche? Die, die am meisten Umsatz macht? Die, die am meisten Gewinn macht? Die, den meisten Menschen einen Arbeitsplatz bietet? Die, die die Mitarbeiter besonders gut behandelt? Die, deren Aktienkurs am höchsten steigt?

Und so ist das mit allen anderen Bereichen unseres Lebens. Es gibt kaum allgemeingültige Wahrheiten. Nicht in der Wirtschaft. Nicht in der Kunst. Nicht in der Politik. Das macht uns Menschen wahnsinnig. Deswegen diskutieren wir auch ständig über so viele Dinge. Wir glauben uns im Recht und versuchen anderen unsere Meinung klarzumachen - oder im schlimmsten Fall, aufzuzwängen.

Ein andere Phänomen, das ich in diesem Zusammenhang beobachtet habe, ist, dass der Versuch unternommen wird Dinge, die eigentlich nicht zu vergleichen sind, doch zu vergleichen. Darum lässt zum Beispiel ein Radiosender seine Hörer darüber abstimmen, welcher Song der beste der 90er Jahre ist. Dann wird daraus Wettkampf und am Ende steht ein eindeutiges Ergebnis. Ganz wie im Sport eben.

Der Sport braucht solche Hilfsmittel nicht. Im Wettkampf messen sich die Teilnehmer nach vorher klar definierten Regeln und am Ende gibt es einen Sieger; sprich nur eine Wahrheit. Das gefällt uns Menschen. Das macht die Sache mit dem Sport so einfach.

Was mich aber zur nächsten Frage bringt: Besteht das Wesen des Sports aus dem Wettkampf? Oder anders gefragt: Machen wir den Sport nur wegen des Wettkampfs? Das ist dann wieder eine subjektive Frage und darauf gibt es eben keine eindeutige Antwort. Aber vielleicht ist ja eine Zeit wie diese genau die richtige darüber nachzudenken. Und ob wir so etwas wie virtuelle Rennen wirklich brauchen.

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