Der Sport, Corona und die Wirtschaft

Matthias Walk

von Matthias Walk

Virtuelle Rennen, Großereignisse, die einfach um ein Jahr verschoben werden, Angst um Arbeitsplätze und die Sehnsucht nach Normalität: So sieht die Sportwelt im April 2020 aus. Eigentlich wären die nächsten Wochen und Monaten die spannendsten für jeden, der sich für Sport interessiert oder der aktiv Sport treibt.

 

Im Basketball und Eishockey liefen gerade die Play-Offs. Im Handball kämpfte die Nationalmannschaft ums Olympia-Ticket und die Bundesliga wäre spannend wie seit Jahren nicht. Im Fußball stünden die Entscheidungen in der Bundesliga, in der Champions- und Europa-League und im Pokal an. Jeden Tag würde gerade ein Fußballspiel live übertragen. Die Fußball-Europameisterschaften und die Olympischen Spiele würden ihre Schatten vorauswerfen. Die großen Marathon- und Triathlon-Events stünden vor der Tür. Und diese Liste ließe sich fast unendlich fortsetzen.

Aber auch für uns Aktive wäre jetzt die spannendste Zeit des Jahres. Hunderttausende Hobbysportler würden in sämtlichen Ligen alles geben. Zehntausende Ausdauersportler würden jetzt ihr Training hochfahren, weil die ersten Wettkämpfen nur wenige Wochen entfernt wären.

Aber momentan muss ich diese Sätze im Konjunktiv schreiben. Denn alles was momentan bleibt ist: Hoffen. Hoffen darauf, dass der ganze Spuk vielleicht doch schneller vorbei geht, als die meisten denken. Allein: Mir fehlt der Glaube! Sämtliche Tennis-Events (einschließlich Wimbledon) sind bis Juli abgesagt. Die Challenge Roth ersatzlos gestrichen. Glaubt noch irgendwer ernsthaft, dass die EM in Frankfurt stattfindet? Olympische Spiele und Fußball-EM auf 2021 verschoben. Die Eishockey-Saison ist ohne Meister zu Ende gegangen. Auch diese Liste ließe sich noch weiter fortführen.

Und auch für uns Hobbysportler sind die Aussichten alles andere als rosig. Ich denke nicht, dass ich in diesem Jahr noch irgendeinen Wettkampf bestreiten werde. Als mir das vor wenigen Tagen klar wurde, war ich natürlich auch erst mal enttäuscht. Aber dann habe ich angefangen nachzudenken. Ist das wirklich so schlimm? Diese Frage habe ich relativ schnell mit “Nein” beantwortet. Klar wäre es schön mit Gleichgesinnten an der Startlinie zu stehen, sein Bestes zu geben und vielleicht sogar mit einer neuen Bestleistung ins Ziel zu kommen. Aber ist es das, warum ich eigentlich Sport treibe? Auch diese Frage kann ich mit einem klaren “Nein” beantworten. Ich mache Sport für mich! Und nicht für den Wettkampf. Ich mache Sport, weil er mir Spaß macht, weil er mich fit hält und weil ich diese Gefühl nach einer harten Trainingseinheit liebe. Also: Was soll’s, wenn das Jahr 2020 mal keine Wettkämpfe für mich bereit hält? Und außerdem gibt’s wichtigere Dinge - das sollte eigentlich jedem momentan klar sein.

Für Veranstalter sieht das natürlich anders aus. Darüber habe ich mir ja am Montag schon meine Gedanken gemacht (hier nochmal zum Nachlesen).

Sport ist aber auch ein Wirtschaftsfaktor. Aber mal ganz ehrlich: kein besonders wichtiger. Nehmen wir mal nur den wichtigsten und umsatzstärksten Sport in Deutschland: den Fußball. Alle Clubs der 1. Bundesliga zusammengenommen haben in der Saison 2018/19 einen Umsatz von ungefähr 4 Milliarden Euro gemacht. Auf den ersten Blick ist das eine ganz schön große Zahl: 4.000.000.000! Das sind ganz schön viele Nullen, oder? Aber im gesamtwirtschaftlichen Vergleich ist das eine klitzekleine Nummer. Das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland betrug im Jahr 2019 rund 3,4 Billionen Euro. Das sind nochmal ein paar Nullen mehr: 3.400.000.000.000 - oder anders ausgedrückt: Der Umsatz der ersten Liga macht gerade mal 0,1% des BIP aus. Nur mal zum Vergleich: Der Einzelhandel hat im Jahr 2019 einen Umsatz von 535 Milliarden Euro gemacht. Wenn jetzt Fußballvereine oder auch andere Sportvereine nach staatlicher Unterstützung rufen, dann ist das aus ihrer Sicht natürlich verständlich. Selbst ein kleiner Zweitligist wie der SSV Jahn Regensburg beschäftigt immerhin fast 150 Mitarbeiter (wenn auch wohl nur die Hälfte davon in Vollzeit). Aber wenn wir mal ehrlich sind, dann ist der Sport - im wirtschaftlichen Sinn - nur ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Und die ist nun mal - mancher möge hier ein “leider” einfügen - nicht systemrelevant. In diesem Zusammenhang habe ich diese Woche ein bemerkenswertes Interview mit Kurt Denk in der Frankfurter Rundschau gelesen. Zur Erklärung: Kurt Denk hat 2002 den IRONMAN nach Frankfurt geholt und ihn bis 2009 auch veranstaltet. Denk sagt in dem Interview: “Zuallererst wird es nach der Krise darum gehen, die Produktion wieder in Gang zu bekommen und die Arbeitsplätze zu retten. Erst danach können wir darüber reden, wer aus dem ‚Have-Fun-Business‘ unterstützt werden kann. Ich glaube, dass sich der Sport, auch der Fußball, hintenan stellen muss. (...) Das klingt bitter, aber ich glaube, dass die Politik so entscheiden wird.”

Und auch zum Thema Triathlon hat Denk eine ziemlich klare Meinung. Er geht davon aus, dass es heuer überhaupt keine Wettkämpfe geben wird. Auch keine WM auf Hawaii: “Wer denkt, dass der wichtigste Triathlon der Welt im Oktober stattfindet, der glaubt auch, dass der Weihnachtsmann der Bruder vom Osterhasen ist!” (Das ganze Interview zum nachleseen gibt’s hier)

Und vielleicht hat die ganze Situation ja auch etwas Positives. Vielleicht erkennen wir in diesen Tagen, was wirklich wichtig ist im Leben: Die Familie, die Gesundheit und echte Freunde. Der Sport spielt im Leben von so vielen eine wichtige Rolle. Und das ist auch gut so. Aber es sollte uns eines immer klar sein: Er spielt bei den meisten eine Nebenrolle. Wenn auch die schönste der Welt, zumindest in meinen Augen. Und das wird er auch weiterhin. Auch ohne Wettkämpfe im Jahr 2020.

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